Nichtstuer - Portrait

Nichtstuer – Der perfekte Job?!
Jochen Picht als eine der letzten Spezies seiner Art


Jochen Picht liegt lang ausgestreckt auf dem Bett. Er hat die Arme hinter dem Kopf verschränkt und beobachtet den Himmel. Er ist total entspannt.
Der Glückliche hat Urlaub, denken Sie. Ja, glücklich ist er wohl die meiste Zeit – aber Urlaub hat er keinen. Jochen ist von Beruf Nichtstuer. Das heißt, als Beruf kann man seine Tätigkeit ja eigentlich nicht bezeichnen. Vielleicht eher als so eine Art Berufung.

Der 39-jährige Kölner ist studierter Soziologe und Philosoph. Er ist arbeitslos. So wie viele in unserem Land. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Arbeitslosengeld II – Empfängern, bemüht er sich nicht eine neue Arbeit zu finden. Er findet nämlich nicht, dass sein Leben mit Arbeit schöner wäre. Jochen hat auch kein schlechtes Gewissen bei seinem Lebenswandel. „Es darf Jeder und es kann Jeder ‚Nichtstun’ “ – niemand sei gezwungen zu arbeiten.
Doch auch ein Müßiggänger ist auf Geld und andere Materialien angewiesen. So erklärt er langsam und bedächtig, er habe viele Sachen des Mobiliars und seine Kleidung geschenkt bekommen. Die Holzschuhe zum Beispiel. Sie seien von einem alten Freund, der leider „ein Opfer der Gesundheitsreform wurde“, wie Jochen dessen Tod erklärt. Er hat sie gelb angestrichen und trägt sie fast jeden Tag. Sie seien ein Zeichen der Freiheit. „Und der Staat beschenkt mich natürlich auch noch“, lacht Jochen. Wodurch sein Hartz IV – Geld finanziert wird, fragt er sich wohl nicht?!
Insgesamt ist der schlaksige Typ, der zu Weilen etwas verschroben wirkt, recht bescheiden. Er ist zufrieden, mit dem was er hat. Die Wohnung ist zwar nur sehr spärlich eingerichtet und Jochen besitzt auch nur wenige Kleidungsstücke, doch er ist genügsam. Das komme vielleicht auch „von seiner gut bürgerlichen Erziehung“. Als eines von vier Kindern sei er es gewohnt mit wenig auszukommen.
Außerdem ruhe er in sich selbst. „Muße ist ein Gleichgewicht“, erklärt er. Da bringe einen nichts so schnell aus der Ruhe.
Dieses Lebensmotto wird auch wieder deutlich, wenn Jochen Picht sich auf seine Mofa schwingt – oder sagen wir besser behäbig aufsteigt. „Das Wichtigste bei der Mofa ist das Langsam fahren“, sagt er noch und tuckert los. Er guckt nach links und nach rechts und verliert sich in Details. Er saugt alles in sich auf und genießt die Freiheit.
Doch vor kurzem haben sie ihm den Führerschein abgenommen. Den Grund verrät er uns nicht. Aber vielleicht war er ein bisschen zu träumerisch und unbedacht unterwegs.
Er vermisst seine Mofa!
Und so sitzt er jetzt noch öfter an seinen Unterlagen, die er penibel geordnet hat. Man wundert sich noch über den Widerspruch zu seiner eigentlichen Sehnsucht nach Freiheit und Müßiggang. Doch dann – als ob er unsere Gedanken lesen kann – erklärt er auch schon den Hintergrund dieser Perfektion. „Man habe die Sachen nur im Rücken und ist nicht frei, wenn man sie aufschiebt.“ Also doch die Freiheit! Gott sei Dank, man hatte schon das Gefühl, man habe plötzlich einen anderen Menschen vor sich.
Oft flaniert Jochen auch durch sein Viertel und denkt an die alten Zeiten mit Arbeit zurück. Falls er irgendwann mal wieder arbeiten sollte, dann nur in Schichtarbeit. Denn ansonsten wäre immer die gleiche Zeit des Tages blockiert. Und er muss jede Tagesstimmung einmal miterleben. Plötzlich fängt es an zu regnen und alle stellen sich unter. Da wird Jochen ganz still und beobachtet, wie so oft, die anderen Leute. Und immer wieder stellt er dabei fest, dass sie in scheinbar anderen Welten schweben. Sie befinden sich zwar in der gleichen Situation, aber niemand spricht mit dem anderen. Sie stehen nebeneinander und doch leben sie nebeneinanderher.
Apropos Nebeneinanderher leben! Das ist für ihn ein Grund warum eine Beziehung auseinander brechen kann. Jochen selbst hatte zwei ernsthafte Beziehungen. Die erste – seine große Liebe – habe er in jungen Jahren selber zerstört. Die zweite bezeichnet er als kleine Liebe. Aus dieser ist damals auch ein Sohn hervorgegangen.
Heute geht er ab und zu mal tanzen. „Aber ich bin kein Abschlepper – ich lass mich eher finden“, sagt er und grinst. Von einem Nichtstuer hat man wohl auch nichts anderes erwartet!
Mit den Frauen hält Jochen es genau so, wie mit der Arbeit. „Wenn man eine hat ist gut – wenn nicht auch!“
Doch wenn man auf Joshua, seinen kleinen 9-jährigen Sohn zu sprechen kommt, wird die Stimmung plötzlich anders. Jochen wird auf einmal ganz ernst und seine Selbstgefälligkeit rückt in den Hintergrund. Er hat ein gutes Verhältnis zu seinem Sohn. Er genießt die gemeinsame Zeit mit ihm. Vor allen Dingen deswegen, weil er bei dem Kleinen so sein kann, wie er ist. Der nimmt ihm seinen Lebensstil nicht übel. Wohl auch, weil er das alles noch nicht verstehen kann. Gedankenverloren erzählt Jochen von dem letzten Treffen. Vor allem ein Satz seines Sohnes geht dem Kölner nicht mehr aus dem Kopf. „Du bist der große Vogel und ich bin der kleine Vogel“. Ja, ein Vogel sein, das wäre schön. Ein Vogel ist immer frei, der muss nie eine Verantwortung übernehmen. Aber für seinen Sohn da sein, das will Jochen.
Auf der letzten Fahrt von seinem Sohn zurück nach Hause, stellt der Müßiggänger zum ersten Mal sein Leben in Frage. Zum ersten Mal merkt er den Unterschied zwischen Rumsitzen und wirklichem Leben. „Wo fahr ich eigentlich hin?“, hat er sich gefragt. „Was habe ich noch in Köln?“
Wieder zu Hause - oder besser gesagt dort, wo früher sein zu Hause war – fasst er einen Entschluss. Er zieht um. Zu seinem Sohn. Er will, wann immer der ihn braucht, für ihn da sein. Ja, er will nach langer Zeit endlich mal wieder Verantwortung übernehmen. Man mag es kaum glauben. Aber der kleine Joshua hat in seinem Vater etwas geweckt, was viele Jahre versteckt war. Der Sinn für Mitmenschen und die Übernahme von Verantwortung. Er hat seine Sicht auf die Welt verändert!
Und so nimmt der Müßiggänger sein Leben in die Hand. Er verändert etwas. Er zieht um.
Vorher macht er aber noch einen neuen Mofa-Führerschein. Ein letztes Stück Freiheit aus seinem alten Leben nimmt er doch noch mit.

Und dann liegt Jochen wieder lang ausgestreckt auf dem Bett. Er hat die Arme hinter dem Kopf verschränkt und beobachtet den Himmel. Er denkt nach. Über sein Leben, seinen Sohn und den Umzug. Denn er will sich auf den Weg machen und endlich wieder einer geregelten Arbeit nachgehen – der des Vaters.

11.6.08 18:10

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Yara / Website (21.7.08 20:56)
Schön!
Gelassene Grüße, yara ;-)

*****
Lebensklugheit bedeutet, alle Dinge möglichst wichtig, aber keines völlig ernst zu nehmen.
*****


Turit (27.12.11 17:52)
Und jetzt bist du hier.
Schön!
Turit

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