Alkoholverbot für Minderjährige - Kommentar

„Jetzt erst recht!“


„Lass das sein. Das sollst du nicht. Das macht man nicht.“ So oder so ähnlich hören sich oft die Parolen der Eltern an, wenn ihre Kinder mal wieder irgendetwas ausgefressen haben.
Und wie oft reagieren die lieben Kleinen darauf mit Trotz.

„Jetzt erst recht!“, denkt sich der Nachwuchs. Denn was man nicht darf, ist spannend. Vor allem dann, wenn sie wissen, dass sie nur nicht dürfen, weil sie noch zu klein sind. Dabei sind sie doch gar nicht mehr klein. Sie sind doch schon so erwachsen -  mit ihren 15 Jahren.

 

Beim Thema Alkohol will sich nun auch noch die Politik mitmischen. Da in letzter Zeit ziemlich viele Jugendliche ihre Grenzen überschätzt haben, soll nun das staatliche Verbot her. Kein Alkohol für Jugendliche unter 18 Jahren!

Doch was ändert das staatliche Nein? Vielleicht wird es nun schwieriger mit 16 Jahren an sein Bier zu gelangen. Aber unmöglich wird es nicht. Das hat die Vergangenheit schon bei den bestehenden Regelungen gezeigt.

Und außerdem besteht nun die Gefahr, dass sie manche Eltern komplett aus der Verantwortung entziehen. „Was soll ich da noch zu sagen? Es ist ja gesetzlich verboten.“

Außerdem klärt ein Verbot noch lange nicht über die Gefahren auf. Und solange Kinder und Jugendliche nicht verstehen, warum sie noch nicht sollen und noch nicht dürfen, wird sich das Problem des Alkoholmissbrauchs nicht lösen.

Die Eltern und die Aufklärung in der Gesellschaft sind und bleiben der Schlüssel zum Erfolg. Denn nur wenn ich wirklich verstehe, kann ich auch mein Verhalten ändern.

 

Ansonsten bleibt man trotzdem bis Mitternacht weg. Raucht man trotzdem. Trinkt man trotzdem Alkohol. Denn man kann seine Grenzen ja schon einschätzen.

Und dann hat man den Salat! Hausarrest, weil man zu spät nach Hause gekommen ist. Pleite, weil die blöden Zigaretten immer teurer werden. Und richtig schöne Kopfschmerzen, weil die Grenze unerwarteter Weise wohl doch etwas niedriger lag, als gedacht.

Und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, kommt die Mutter durch die Tür. „Hab ich dir nicht gesagt….“

Schon befinden wir uns im ewigen Kreislauf der Verbote und Trotzreaktionen. Und der Alkohol kann ungestraft weiter Opfer in seinen Bann ziehen.

1 Kommentar 11.8.08 10:48, kommentieren

Vom Probenraum bis auf die Bühne - Reportage

„Wir sind Rocker keine Hippies“
Improvisation Auftritt - Der lange Weg vom Probenraum zur Bühne

Freitag, 16:00

„I’m feelin’ good, I’m feelin’ fine…“ Schon als ich auf den Parkplatz der Musikschule Bad Salzuflen fahre, höre ich die ersten Töne der Bandprobe. Und es hört sich ziemlich gut an. Das scheint doch ein viel versprechender Nachmittag zu werden.

Die Musikschule befindet sich in dem alten Schloss Stietencron der Stadt.
Vor dem Eingang ist ein Beet mit vielen Blumen. Rechts und links davon führen zwei lange Schrägen hoch zu der breiten und schweren Holztür. Die vordere Front ist über und über mit Fenstern versehen und der Eingang ist von einem Balkon überdacht, der von vier Säulen gestützt wird. Das Gebäude ist knapp 300 Jahre alt und macht einen ehrfurchtsvollen Eindruck.

Ich habe heute die Ehre hier der Band addListener bei ihrer Probe zusehen zu dürfen. addListener, das sind vier Jungs aus Bad Salzuflen. Diese Gruppierung hat sich aus einer ehemaligen Band zweier Mitglieder entwickelt. Die jetzige Formation besteht so seit 2006. Auf meine Frage, wie sie denn auf ihren Bandnamen gekommen seien, folgte ein betretenes Schweigen. Nach einigen Blicken in die Runde mussten die Jungs dann zugeben, dass sie das eigentlich selber nicht genau wüssten. Es gab den Namen der alten Band „IchErUndEr“, den es zu ändern galt, da allein die Anzahl der Personen schon nicht mehr stimmte. Denn die aktuelle Band besteht schließlich aus vier Mitgliedern und nicht mehr aus dreien.


Jonas Ricken (Gesang), Hendrik Wittemeier (Gitarre), Marius Raabe (Bass) und Andreas Möllers (Schlagzeug) musizieren in einem der Bandräume im Keller des Schlosses. Dort können sie soviel „Lärm“ machen wie sie wollen, ohne die 550 anderen Schüler zu stören. Von „Lärm“ spreche ich deshalb, weil die sehr rockigen Stücke - die die Band übrigens alle selber schreibt und komponiert – für manche Ohren sicherlich als Solcher empfunden werden könnten. Die Musik hat nichts mit schmusigen Songs von Robbie Williams zu tun und auch der sonstige Boy Band-Mainstream wird nicht bedient.
Aber es rockt! Und auch Funk und Reggae wissen die Musiker gekonnt in ihre Stücke einzubauen. „Wir sind Rocker keine Hippies!“, kommt da von Andreas Möller, den aber alle nur Andi nennen.
Wenn die Jungs dann in die Saiten greifen und das Schlagzeug malträtieren kann man einfach nur gute Laune bekommen. Sofort greift die Spielfreude der Rocker auf einen über und man kann nicht mehr still stehen. Und das die Jungs Spaß an ihrer Musik haben, dass müssen auch die merken, die mit der Musik an sich vielleicht nichts anfangen können.

Der Bandraum hat sehr viel Charme. Das alte Gemäuer des Schlosses ist nicht versteckt worden und wird in das Gesamtkonzept gut integriert. Alte in die Wand eingemauerte Weinregale werden nun als normale Ablagen für Noten, Mikrofone und Kabel genutzt. In den alten Rundbögen stehen die modernen Boxen und sogar ein Kamin ist vorhanden. Der Mix aus Alt und Neu macht die Atmosphäre des Schlosses aus. „Das ist noch mal ein ganz anderes Feeling“, meint auch Marius Raabe.

Seit 1983 ist die städtische Musikschule im Schloss zu Hause. Und das ist eigentlich etwas, auf das die Stadt stolz sein sollte und was es zu unterstützen gelte. Doch die Politiker sehen leider, wie so oft, auch in diesem Fall nur die Finanzierung des denkmalgeschützten Gebäudes. Da die Stadt aber kein Geld zur Verfügung hat läuft schon seit geraumer Zeit eine Diskussion darüber, das Schloss zu verkaufen. Somit könnten die Kosten an den Käufer abgetreten werden.
Sollte es wirklich zu einem Verkauf kommen, müsste die Musikschule in den Keller der hiesigen Volkshochschule verlagert werden. Dass dort keine Atmosphäre herrscht und auch keine Möglichkeiten vorhanden sind, vor Ort Konzerte zu geben, kann man sich denken.
Aber was zählt schon Atmosphäre, Unterhaltung und Tradition, wenn man wieder einmal ein paar Euro sparen kann….

Heute ist eine ganz besondere Probe für die vier Jungs. Eine Generalprobe. Denn Morgen steht ein Auftritt auf dem „RockKonzert“ bevor. Die Mitglieder von addListener sind die Organisatoren dieser Veranstaltung mit Bands aus der Umgebung. Insgesamt drei Rockbands sollen an dem Abend den Zuschauern einheizen. Dabei gilt bei allen das Motto „Eigenes statt Coversongs!“.

Die Jungs sind nervös. Eigentlich sind sie zwar schon alte Hasen was Auftritte angeht, aber als Organisatoren haben sie diesmal schon eine besondere Rolle. Und das selbst gesteckte Ziel: Ein perfekter Auftritt!
Im Moment läuft es allerdings nicht so richtig rund. Ein paar schiefe Töne im Gesang. Ein falscher Akkord von der Gitarre und auch der Rhythmus des Schlagzeugers ist gerade etwas holprig. Aber das ist ein gutes Zeichen! Den unter Musikern ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass die letzte Probe vor einem Konzert nicht fehlerfrei sein darf. Denn nur dann kann man sich die Perfektion für den Auftritt aufheben.

18:00

Die Probe ist beendet. Aber Feierabend ist noch lange nicht. Die Instrumente und die gesamte Technik müssen noch verpackt und in den Bulli geladen werden. Jetzt ist auch meine Hilfe gefragt. Ich wickele rote, blaue und schwarze Kabel zusammen. Die Roten sind für Bass und Gitarre. Die Blauen für die Mikros und die Schwarzen für die Anlagen und Boxen. Die ganze Kabelage wird dann zusammen mit den Mikrofonen in einem alten, schwarzen Koffer verpackt. Man hat das Gefühl das auch dieser noch aus der alten, königlichen Zeit über geblieben ist.

Nach und nach werden die Sachen die alten Steinstufen am Hinterausgang hinaufgetragen. Die Stufen sind im Laufe der Jahrhunderte schon sehr abgetreten und rund geworden.
Langsam füllt sich der weiße Bulli, den sich die Jungs von der Stadt ausgeliehen haben.
Und dann ist auch wirklich Schluss für Heute. Morgen ist auch noch ein Tag. Und zwar der Tag der Tage!

Samstag, 14:00

Die Jungs sind schon wieder seit zwei Stunden am Arbeiten, als ich am Veranstaltungsort – dem Kesselhaus Lemgo - eintreffe.

Die Bühne aufbauen, die Technik kontrollieren und die anderen Musiker in den Ablauf einweisen. Dann noch die letzten Getränkelieferungen entgegennehmen, den Backstage – Bereich einrichten und nicht zuletzt die Nerven beruhigen.

Direkt links vom Eingang haben die Organisatoren einen Tisch aufgestellt, der heute Abend als Kasse dienen soll. Dort kann man sich dann auch seinen Stempel abholen, der immer wieder als Einrittskarte dient, falls man einmal den Raum verlassen möchte.
Ein Stück weiter befindet sich an der linken Seite die Theke.
Direkt gegenüber vom Eingang am Ende des Raumes ist die Bühne aufgebaut. Es ist ein nur ein kleines Podest. Aber große Ansprüche hat hier Niemand. Es zählt einfach nur die Freude am der Musik.
Rechts neben der Bühne kommt man dann in den Backstage - Bereich. Auch dieser ist nicht professionell eingerichtet. Es ist einfach nur ein kleiner Raum, in dem die Musiker ihre Sachen aufbewahren können und in dem sie kurz vor ihren Auftritten noch einmal ihre Stimme testen und ihre Instrumente stimmen können. Nicht mal ein Fenster gibt es.
Insgesamt ist das Gebäude nicht unbedingt gemütlich. Es ist sehr zweckgemäß eingerichtet und die Wände sind nur verklinkert. Das ist alles noch darauf zurückzuführen, dass es früher einmal ein Firmengebäude war, in dem – wie der Name schon sagt – Kessel standen. Und als es dann zu einem Veranstaltungsgebäude umgebaut worden ist, ist an der ursprünglichen Art nichts verändert worden.

Auf einmal knallt es und dann herrscht Totenstille. Stromausfall! Irgendwo gab es einen Kurzschluss beim Anschließen der Technik.
Jetzt herrscht reges Treiben. Mitten in dem Trubel höre ich noch Jonas rufen „Wo ist denn der bekloppte Sicherungskasten?“ – Eine Antwort bekommt er allerdings nicht.
Also laufen jetzt alle wild durcheinander und suchen verzweifelt nach dem „ollen Ding“ (Andi).
Im Aufenthaltsraum für die Bands werden wir dann schließlich fündig. Und stoßen auf eine weitere Kuriosität. Man kann nicht einfach nur wieder den Schalter umlegen, sondern muss noch ganz altmodisch die Sicherung rausdrehen, wechseln und dann wieder reindrehen.
Aber dann kann es weitergehen. Der Strom ist wieder da. Gott sei Dank!
Die Jungs werden langsam zum Nervenbündel. Was soll denn noch alles kommen?

Aber es bleibt nicht wirklich Zeit zum Nachdenken. Jetzt steht der Soundcheck an.
Jede Band spielt zwei ihrer Lieder einmal kurz an. Nach gut 20 Minuten ist es dann auch schon wieder vorbei. Alles super gelaufen. Die Musiker sind erleichtert. Ein weiterer Zwischenfall hätte den Zeitplan auch gehörig durcheinander geworfen.

Mittlerweile ist es 17.00 Uhr.
In 1 Stunde kommen schon die Gäste. Maximal 150 können es werden, mehr passen gar nicht rein. Aber so hohe Erwartungen haben die Musiker gar nicht. „Hauptsache, die die da sind haben Spaß. Genauso wie wir.“, meint Hendrik.

Die Leute hinter der Theke und hinter der Kasse sind eingewiesen. Die Technik ist komplett aufgebaut und die Instrumente stehen. Es kann also losgehen!
Dann wird es auch langsam Zeit sich für den Auftritt umzuziehen. Die Jungs verschwinden also erstmal im Backstage – Bereich.
Als sie geschniegelt und gestriegelt wieder vor mir stehen, trudeln auch schon die ersten Gäste ein. Ich sicher mir also erstmal schnell einen Platz in der ersten Reihe – bin ja schließlich auch „beruflich“ hier.

Besonders angezogen haben sich die Musiker alle nicht. Sie haben alle Sachen an, die sie auch so in ihrer Freizeit tragen. Es kommt ihnen ja auch auf die Musik an und nicht darauf, wie sie aussehen. Und die meisten Gäste, die hier sind, sehen das sicherlich genauso.
Wie die Jungs auf der Bühne auch haben die meisten Jeans und T-Shirt an.

Samstag, 17.50

Noch 10 Minuten bis zum Auftritt. Der Raum ist mittlerweile schon gut zur Hälfte gefüllt.
Die Spannung steigt. Auch bei mir. Dadurch das ich jetzt so ziemlich alles von Anfang an mitbekommen habe, bin ich auch gespannt, ob wirklich alles so geklappt, wie geplant. Es ist den Jungs wirklich nur zu wünschen, so viel Arbeit, wie sie hier hinein gesteckt haben.

Dann werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Es geht los! Endlich!
addListener steht auf der Bühne. Jonas (Sänger) begrüßt noch kurz die Leute, verliert aber nicht viel Zeit damit. Sie wollen lieber gleich anfangen.
Dann zählt Andi (Schlagzeug) ein. One, Two, One, Two, Three, Four.
Das Konzert hat begonnen.
Von Anfang an gehen die Leute mit. Einige wenige können sogar den Text und tanzen mit.
Ich schaue zu den Jungs und sie lächeln mich an. Ich kann die Erleichterung in ihren Augen sehen.
Sie haben es geschafft! Sie, als kleine Dorfband, haben es geschafft ein eigenes Konzert auf die Beine zu stellen. Aber was sie noch viel stolzer macht - sie schaffen es mit ihrer eigenen Musik Menschen zu begeistern.

Und das soll auch noch möglichst lange so bleiben. Immer ganz nach ihrem Motto „Keep on rockin’!“


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IKEA-Restaurant - Reportage

Kaufst du noch oder isst du schon?!

Im IKEA-Restaurant Bielefeld-Brackwede

Ich fahre in ein viel zu enges Parkhaus und stehe nach einigem Rangieren endlich einigermaßen annehmbar. Und nun? Wo steig ich aus? Auf der Fahrerseite steht das benachbarte Auto gefährlich nah dran. Auf der Beifahrerseite ist direkt die Stange des „Einkaufswagen-Parkplatzes“ zu finden. Also doch die Fahrerseite. Ganze 10 cm geht meine Autotür auf. Zuerst die Beine….nein vielleicht doch lieber erst der Kopf. So, irgendwie bin ich draußen. Weiß selber nicht mehr, wie ich es letztendlich geschafft habe.
Und wenn ich jetzt nur daran denke, man hat einen Schrank, eine Matratze oder irgend etwas anderes Großes gekauft……oh, da kommt jemand. Genauer gesagt zwei Frauen, jede mit einem randvollen Einkaufswagen. Diese machen nur leider was sie wollen und lassen sich von den beiden Kundinnen nur schwer durch die engen Durchgänge bugsieren.
So, den ersten Durchgang haben sie bewältigt. Dann werd ich mal weiter.

Aus dem Parkhaus raus, geh ich circa 100m über den angrenzenden Parkplatz und muss ständig anderen, mit ihren Einkäufen kämpfenden, Kunden ausweichen.

Nächstes Etappenziel – die Drehtür. Geschafft!

Endlich steh ich im „Möbelhaus-Anziehungpunkt Nr. 1“! IKEA.

Jetzt noch die Treppe rauf, durch das Drehkreuz, ein letztes Mal rechts abbiegen und dann ist es da - das Restaurant.

Ich hol mir noch schnell einen Kaffee und dann kann es losgehen. „Big brother is watching you!“

Ich mache es mir auf meinem hellen, lehnenlosen Hocker bequem und prompt springt mir der erste Besucher ins Auge. „Alpenkick 08“ ist sein Motto und er trägt es auf seinem schwarzen T-Shirt durch die ganze Welt.

Nebenan eine asiatische Großfamilie mit einem Säugling und drei weiteren kleinen Kindern. „Besser ohne Rauch!“ prangt auf einem großen Schild direkt hinter ihrem Tisch. Diese Aussage prägt zusammen mit „Gratis nachfüllen!“ das Bild.

Nach und nach stürmen mehr und mehr Kunden mit Bestellscheinen in der Hand das Frühstücks-Buffet. Die „Böhsen Onkelz“ dürfen dabei natürlich nicht fehlen. In dem über und über mit IKEA-Papierlampen geschmückten Raum, gibt dieser Fan ein zuweilen recht seltsames Bild ab. Der komplett in Schwarz gekleidete Mann sticht schon hervor, vor den knallbunten, blumigen Schiebevorhängen - direkt vor dem Gartenarrangement. Blumen, Gießkannen, Töpfe, Schaufeln. Alles, was das Gärtnerherz begehrt.

Der „Onkel“ setzt sich auf einen roten Stuhl. An einen roten Tisch - alle mit Preisschildern versehen - zu seinen Kumpels.

Da läuft ein Mann mit einer Zeitung an meinem Tisch vorbei. Und ich bemerke, dass man hier schon recht gut lesen kann. Denn für so einen großen Raum ist es erstaunlich ruhig. Stimmengemurmel, Geschirrklappern und das leise Dröhnen der Kaffeemaschinen - wenn sie für Latte Macchiato, Cappuccino, Milchkaffee und Co. den Schaum aufschlagen - ist alles, was man hört. Allerdings ist es relativ dunkel. Die Papierlampen sind zwar sehr dekorativ, scheinen ihrem wahren Zweck allerdings nicht ganz gerecht zu werden.

Ich genieße gerade noch den Ausblick auf die Firma „Goldbeck“, die einem auf der anderen Seite der Glasfront direkt ins Auge springt – da sehe ich Schwarz, Rot, Gold. Direkt vor mir steht ein Mann mit einem „Deutschland“-T-Shirt. Er kämpft sich mit einem Kinderwagen zwischen den Tischen hindurch und zieht noch ein zweites Kind hinter sich her. Ebenfalls durchkämpfen muss sich auch die Putzfrau, die nicht müde wird, sämtliche Tische zum x-ten Mal zu säubern und unter ihnen zu fegen.

Auf einmal ist der „Onkel“ wieder da. Er kommt zum Nachfüllen an einen der Getränkeautomaten. Während er sich nachschenkt, kann ich auf seinem Rücken die kompletten Daten der letzten Tournee seiner favorisierten Band nachlesen – auf einer nachgeahmten Wirbelsäule sind diese Knochen für Knochen festgehalten.

Schon lenken mich die nächsten Besucher von meiner Lektüre ab. Ich schaue noch einmal auf meine Uhr, um mich zu vergewissern. Aber ja, es ist 11.00 Uhr – morgens! Und diese drei Herrschaften essen tatsächlich Pommes mit Kötbullern - den schwedischen Frikadellen. Dazu, wie es sich gehört, Multivitaminsaft bei den beiden Damen und eine Bionade-Holunder für den Herrn. Noch einmal ordentlich nachsalzen und dann – Guten Appetit! Nachdem man(n) sich vergewissert hat, dass kein Flaschenöffner zur Verfügung steht, wird die Flasche mit den Zähnen aufgemacht. Dann wird die Limonade in ein Glas geschüttet und einem Geschmackstest unterzogen. Mit skeptischen Blicken, aber ohne Worte, wird das Getränk als nicht unbedingt wohlschmeckend abgestempelt und stehen gelassen. Es wird stattdessen ein Wasser nachgeholt und gleichzeitig noch eine ordentliche Portion Ketchup für die Pommes mitgebracht.

Da schweift mein Blick zu einer Mutter mit ihrem Kind – insgesamt sind sowieso sehr viele Kinder hier – die beide „Pippi-Langstrumpf-Zöpfe“ tragen und auch sonst komplett aufeinander abgestimmt sind.

„Frau Dr. Kunwat möchte sich bitte beim Kundenservice melden. Frau Dr. Kunwat, bitte!“

Plötzlich hockt neben mir strotzig ein Mädchen auf dem Boden. Es ist ein Kind der asiatischen Großfamilie, die ich zu Anfang schon einmal beobachtet hatte. Es hat sich mit einer ihrer Schwestern gestritten und spricht nun mit sich selber. Da kommt die Schwester zurück, beugt sich zu der Kleinen runter – und dann ist alles wieder in Ordnung. Spätestens bei Mama auf dem Arm ist dann alles wieder vergessen.

„Der Fahrer des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen BI-XO 171 möchte bitte zu seinem Fahrzeug kommen.“

„Der Fahrer des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen BI-SK 161 möchte bitte zu seinem Fahrzeug kommen.“

Ich gucke mich noch einmal um, um das Bild der Menschen aller Altersgruppen und Typen, der jungen Pärchen und der vielen Schwangeren in mich aufzunehmen.

Da bricht die asiatische Großfamilie auf und auch die „Pommes-Gemeinschaft“ verlässt das Feld – also auch für mich Zeit zu gehen.

2 Kommentare 28.7.08 12:19, kommentieren

Portrait über eine freiwillige Mitarbeiterin im Jugendrotkreuz

„Kleinvieh macht auch Mist!“
Svenja Voigt im „Riesentheater“ des Jugendrotkreuzes

 
Nichts ist so selbstverständlich, wie wir es uns wünschen! Nicht die Gesundheit, nicht der gesicherte Arbeitsplatz -  und schon gar nicht die ehrenamtliche Hilfe. Aber hin und wieder findet man doch Ausnahmen:  So zum Beispiel beim Jugendrotkreuz!

Svenja Voigt ist eines der letzten 2 Helferlein beim Jugendrotkreuz (JRK) Lage. Ganz gelassen sitzt sie mit ihren kurzen, rötlichen Haaren im Schneidersitz auf dem Sofa. Im Hintergrund wuselt ein kleiner Hamster durch seinen Käfig. Ihre kleine Wohnung ist sehr gemütlich mit ihren warmen Orangetönen. Man fühlt sich gleich wie zu Hause! Als sie dann anfängt von den Kampagnen und ständig wechselnden Aktionen des JRK zu sprechen, fangen ihre Augen hinter der Brille an zu leuchten. Ob der Erste – Hilfe – Kurs, eine Brandsimulation, Großübungen an Flughäfen oder die Realistische Unfall-Darstellung, allem geht sie mit Herzblut nach…..und das spürt man auch.

Die Realistische Unfall-Darstellung zum Beispiel, kurz RUD, ist für Svenja nicht nur die Nachahmung eines theoretischen Szenarios, sondern „eine Art Theaterspiel“. Wenn sie dann mit einem einfachen Gummihandschuh einen komplizierten Fingerbruch darstellt, oder Schürf- und Platzwunden schminkt, ist sie voll in ihrem Element!

Sie liebt es durch ihre Arbeit einen anderen Einblick auf die Geschehnisse zu bekommen, die von den meisten gemieden werden - obwohl sie doch  leider so alltäglich sind. Nicht weil sie Spaß am Leid hat. Nein! Svenja weiß, im Gegensatz zu dem weit verbreitetem Glauben „Mir passiert schon nichts“, dass Unfälle Jeden treffen können. Und in diesen Situationen möchte sie helfen! Möchte sie wissen, was zu tun ist!

Vor 11 Jahren hat die heute 27-jährige ihren Weg zum Jugendrotkreuz gefunden. Das Ganze war relativ unspektakulär. Svenja war damals gerade 16 Jahre alt und machte ihren Rollerführerschein. Für diesen brauchte sie natürlich einen Erste – Hilfe – Kurs. Da es zu der Zeit keine Jugendrotkreuz-Gruppe in Lage gab, wurden sie und die anderen sechs Kursteilnehmer kurzerhand gefragt, ob sie Lust hätten eine solche Gruppe wieder aufzubauen. Alle stimmten zu. Das war mal was Neues! Und es war so eine lustige Gruppe. Was wirklich dahinter steckt – das wusste Keiner!

Heute  ist Svenja eine von zwei Leitern und noch die Einzige von damals. Die anderen drei Jungs und drei Mädels haben aufgegeben. Ja, aufgegeben! Sie haben es nicht geschafft. „Sie haben nicht geschafft alles unter einen Hut zu bekommen, wie man so schön sagt.“  Natürlich sei die Arbeit zeitintensiv. Man opfere schon fast seine komplette Freizeit. Und ja, man bekomme auch nichts dafür. „Man hat nichts für sich selber“, wie eine häufige Ausrede lautet, erklärt Svenja. Das alles ist für viele abschreckend. Und für Svenja sind dies auch die Gründe, warum nur noch so wenige Menschen ehrenamtlich helfen.

Aber Svenja kann das nicht davon abhalten: „Man hilft anderen Menschen und das kann doch nicht falsch sein!“. Klar sei es manchmal auch für sie schwierig das JRK mit ihrer Arbeit zu vereinbaren. Und wenn dann bei anderen Leuten noch ein Kind im Spiel ist, macht es das noch schwieriger. Aber wer es wirklich wolle, der schaffe es auch, erzählt sie wild gestikulierend.

„Man muss ja nicht gleich in den Kongo – Kleinvieh macht auch Mist!“, erklärt sie. Dann grinst sie. Das war jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben – aber der Grundgedanke stimme doch!

Menschen zu helfen und sie glücklich zu machen, scheint sowieso in der Natur ihres Wesens zu liegen. Denn beruflich ist Svenja Reiseverkehrskauffrau. Sie hat es sich wohl zu ihrer Aufgabe gemacht für andere zu planen, zu denken und zu lenken…

Gerade geht man noch in Gedanken durch, was man denn selber für die „Gute Sache“ tut und bekommt schon fast ein schlechtes Gewissen, da lacht sie auch schon wieder: „Keine Angst – wir sind auch keine Engel“!  Klar müsse man immer wieder Übungen mit den Mitgliedern machen -  ganze fünf sind es in Lage – sodass aufgrund der kleinen Gruppenstärke auch mal aus benachbarten Städten Helfer zureisen. „Man macht natürlich aber auch mal Blödsinn, aber das muss auch sein“! Einfach mal Schwimmen gehen oder eine Filmnacht sei nicht verkehrt. Das stärke das Gruppengefühl. Und das brauche man auch.

 Denn es ist nicht immer alles Gold was glänzt! Als ob die Arbeit nicht schon aufwendig genug wäre, bekommen die freiwilligen Helfer auch noch Steine in den Weg gelegt. Und das sogar aus den eigenen Reihen! Das übergeordnete Deutsche Rote Kreuz (DRK) nimmt die Jugend oft nicht ernst. Denn das JRK gehört nicht direkt mit dem DRK zusammen und wird häufig einfach als „Hobbygruppe“ abgestempelt. Somit herrscht zeitweise eine richtige Rivalität zwischen den Vereinigungen und die jungen Leute müssen des Öfteren um ihre Teilnahme an Großübungen und größeren Kampagnen kämpfen.
Und das obwohl sie der Nachwuchs sind?!

Aber da sind die jungen Mitglieder, die von den Leitern ganz einfach „Kiddies“ gerufen werden – und das bei einem Altersdurchschnitt von 21 – nicht verlegen. Sie starten kurzerhand eigene Kampagnen. So zum Beispiel „Ihre Hausnummer ist keine Geheimzahl“. Dort wurden die Bewohner darauf aufmerksam gemacht, wenn ihre Hausnummer gar nicht oder nur schwer zu erkennen war. Denn ist dies der Fall, können bei der Suche nach dem richtigen Haus bei einem Rettungseinsatz wichtige Minuten verloren gehen.

„Ich gehöre auch schon langsam zum alten Eisen“, lacht Svenja, als sie erklärt, dass man mit 30 eigentlich so langsam aus dem Jugendrotkreuz aussteigt.

Lachen tut sie sowieso viel. Und gerne. Und laut. Ansteckend ist es – genauso wie ihre Freude an der Hilfe! An der ehrenamtlichen Hilfe!

 

                                                                                             

1 Kommentar 27.7.08 13:37, kommentieren

Der Zoo - Kommentar

Der Zoo – die Arche Noah des 21. Jahrhunderts
Jetzt gerät auch noch die letzte Überlebenschance der Eisbären in die Kritik

 

Die beiden Eisbärenkinder „Knut“ aus Berlin und „Flocke“ aus Nürnberg sind in aller Munde und weltweit bekannt. Während in Deutschland seit 1980 rund 70 Eisbären unbeobachtet geboren wurden und aufgewachsen sind, gab es bei Knut kein Halten mehr. Das erste Eisbärenbaby seit 30 Jahren in Berlin war an sich schon eine Riesensensation. Durch die Handaufzucht des Kleinen, der von seiner Mutter abgestoßen wurde, entwickelte sich Knut allerdings zu einem weltweiten Medienphänomen.

Tierschützer fordern: Lasst die Eisbären frei! Besucher aus aller Welt hingegen sind so begeistert von den kleinen Tierbabys, dass die betroffenen Zoos einem riesigen Besucheransturm entgegenblicken.

Gut für die Tierparks, da sie nun einen Publikumsmagneten gefunden haben, der ihre sonst so leeren Kassen füllt.

Nicht immer gut für die Jungtiere, da die Menschenmassen und der Medienrummel ihnen zuweilen ganz schön zusetzen. Dies ist auch ein Grund, warum Tierschützer fordern, die Eisbären in Freiheit leben zu lassen. Außerdem werden die Tiere nicht artgerecht gehalten.

Bei Tierbabys, wie Knut und Flocke, die von Hand aufgezogen werden, bestehe zusätzlich noch die Gefahr, dass die Tiere zu sehr vom Menschen geprägt werden und ihnen das entsprechende Sozialverhalten für das Leben in einer Gruppe fehle.

In der freien Wildbahn hätte die Mutter das Tier abgestoßen – aber das hätte schon seinen tieferen Sinn gehabt. Die Natur reguliert sich selbst am Besten.

Aber hier kommen die anderen Tierliebhaber zu Wort, die einmal nicht nur an die Haltung wieder die Natur denken, sondern an die Tiere selbst.

Sie stehen dafür, dass Zoos eine der letzten Möglichkeit sind, vom Aussterben bedrohte Tiere zu retten. Die Natur könne sich aufgrund von Menschen verursachten Klimawandels eben nicht mehr eigenständig regulieren. Denn durch diesen wird der natürliche Lebensraum der Eisbären drastisch kleiner. Des Weiteren werden auch die Tiergehege immer mehr den natürlichen Lebensräumen angeglichen.

Somit haben wir also einerseits die vom Aussterben bedrohten Tiere, deren Überleben im Zoo gesichert wird, die ein unbedrohtes Leben führen können und die den Menschen mit ihrer Existenz auch noch eine Freude bereiten können.

Auf der anderen Seite haben wir den Eingriff in die Natur, die nicht genau artgerechte Haltung und die durch Medien und Menschenmassen gestörte Ruhe, die die Tiere in ihrem Rhythmus durcheinander bringen. Und über allem steht die finanzielle Ausschlachtung, sowohl von Seiten der Zoos als auch der Medien!

Aber warum schaut man sich nicht einfach einmal alle Seiten an und versucht das Beste daraus zu machen?

Die Tiere vor dem Aussterben zu retten, also im Zoo leben zu lassen und wo nötig auch in die Natur einzugreifen – aber eben so wenig wie möglich. Und vor allem nicht jede Geburt bis in kleinste Detail zu vermarkten und in alle Welt zu verkaufen!

2 Kommentare 26.7.08 13:38, kommentieren

FHM - Liebesbrief

Die Beste der Besten – Die FHM

Ein Liebesbrief an die Fachhochschule des Mittelstands

 
Geliebte FHM!

 Schon als ich das erste Mal von weitem auf der grünen Wiese deine weit reichenden Trakte hab stehen sehen, wusste ich: du bist die Richtige!
Wie schade wäre es, lebtest du in einem kleinen, ursprünglich gar nicht für dich vorgesehenen, Gebäude mitten in der Stadt.

Deine verwinkelten Ecken und die in alle Richtungen strömenden Menschenmassen geben einem das Gefühl von Sicherheit. Genau wie die benachbarten Gerichte und die Staatsanwaltschaft. Bei denen kann man sich sicher sein, dass jeder Besucher kontrolliert wird und nie die Gefahr eines Anschlags besteht. Und auch deine Mensa mit dem unübertreffbar reichhaltigen Angebot zieht mich täglich in deinen Bann.
Beinahe jeder Dozent kennt mein Gesicht. In den kleinen Gruppen fällt es somit praktisch gar nicht auf, wenn man einmal eine Vorlesung nicht besucht und stattdessen zu Hause von den schönen Stunden mit dir träumt.

Und trotz der teilweise schweren Kost, die man bei dir vermittelt bekommt, heiterst du einen mit deinem Erlebnis-Angebot gleich wieder auf und gibst Kraft für die nächsten Stunden. Sei es die Stadt, die zu Fuß in 5 Minuten zu erreichen ist. Oder die zahlreichen Restaurants, die sich im direkten Umfeld bieten.

Aber egal was man macht, man ist nie allein. Außerdem studieren nur die Leute zusammen, die wirklich hierhin gehören. Denn in deinem strengen Auswahlverfahren wird schließlich die Spreu vom Weizen getrennt. Somit kann man sich sicher sein, dass nur die Besten vom Besten anwesend sind. Alle kennen sich und grüßen sich. Du nimmst jeden wie einen Sohn oder eine Tochter auf und integrierst sie in alle Familienfeiern. Deine Fürsorge ist überwältigend! Den ganz Neuen bringst du die Stadt und die Umgebung näher. Die etwas Älteren schickst du ein halbes Jahr in die Welt hinaus und den noch etwas Älteren gibst du die Möglichkeit eine riesige Talk-Show zu arrangieren. Zu diesen werden dann auch schon mal die ganz Großen eingeflogen.

 Du gibst mir also jeden Tag von neuem einen Sinn zu leben. Obwohl man sich täglich fragt, wie man das nächste Essen noch bezahlen soll, da deine Ansprüche mein kleines Studenten-Budget ganz schön strapazieren.

Aber was tut man nicht alles für die große Liebe…

Dein dich über alles Liebender….

                                                                                                               

1 Kommentar 24.7.08 17:35, kommentieren

Nichtstuer - Portrait

Nichtstuer – Der perfekte Job?!
Jochen Picht als eine der letzten Spezies seiner Art


Jochen Picht liegt lang ausgestreckt auf dem Bett. Er hat die Arme hinter dem Kopf verschränkt und beobachtet den Himmel. Er ist total entspannt.
Der Glückliche hat Urlaub, denken Sie. Ja, glücklich ist er wohl die meiste Zeit – aber Urlaub hat er keinen. Jochen ist von Beruf Nichtstuer. Das heißt, als Beruf kann man seine Tätigkeit ja eigentlich nicht bezeichnen. Vielleicht eher als so eine Art Berufung.

Der 39-jährige Kölner ist studierter Soziologe und Philosoph. Er ist arbeitslos. So wie viele in unserem Land. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Arbeitslosengeld II – Empfängern, bemüht er sich nicht eine neue Arbeit zu finden. Er findet nämlich nicht, dass sein Leben mit Arbeit schöner wäre. Jochen hat auch kein schlechtes Gewissen bei seinem Lebenswandel. „Es darf Jeder und es kann Jeder ‚Nichtstun’ “ – niemand sei gezwungen zu arbeiten.
Doch auch ein Müßiggänger ist auf Geld und andere Materialien angewiesen. So erklärt er langsam und bedächtig, er habe viele Sachen des Mobiliars und seine Kleidung geschenkt bekommen. Die Holzschuhe zum Beispiel. Sie seien von einem alten Freund, der leider „ein Opfer der Gesundheitsreform wurde“, wie Jochen dessen Tod erklärt. Er hat sie gelb angestrichen und trägt sie fast jeden Tag. Sie seien ein Zeichen der Freiheit. „Und der Staat beschenkt mich natürlich auch noch“, lacht Jochen. Wodurch sein Hartz IV – Geld finanziert wird, fragt er sich wohl nicht?!
Insgesamt ist der schlaksige Typ, der zu Weilen etwas verschroben wirkt, recht bescheiden. Er ist zufrieden, mit dem was er hat. Die Wohnung ist zwar nur sehr spärlich eingerichtet und Jochen besitzt auch nur wenige Kleidungsstücke, doch er ist genügsam. Das komme vielleicht auch „von seiner gut bürgerlichen Erziehung“. Als eines von vier Kindern sei er es gewohnt mit wenig auszukommen.
Außerdem ruhe er in sich selbst. „Muße ist ein Gleichgewicht“, erklärt er. Da bringe einen nichts so schnell aus der Ruhe.
Dieses Lebensmotto wird auch wieder deutlich, wenn Jochen Picht sich auf seine Mofa schwingt – oder sagen wir besser behäbig aufsteigt. „Das Wichtigste bei der Mofa ist das Langsam fahren“, sagt er noch und tuckert los. Er guckt nach links und nach rechts und verliert sich in Details. Er saugt alles in sich auf und genießt die Freiheit.
Doch vor kurzem haben sie ihm den Führerschein abgenommen. Den Grund verrät er uns nicht. Aber vielleicht war er ein bisschen zu träumerisch und unbedacht unterwegs.
Er vermisst seine Mofa!
Und so sitzt er jetzt noch öfter an seinen Unterlagen, die er penibel geordnet hat. Man wundert sich noch über den Widerspruch zu seiner eigentlichen Sehnsucht nach Freiheit und Müßiggang. Doch dann – als ob er unsere Gedanken lesen kann – erklärt er auch schon den Hintergrund dieser Perfektion. „Man habe die Sachen nur im Rücken und ist nicht frei, wenn man sie aufschiebt.“ Also doch die Freiheit! Gott sei Dank, man hatte schon das Gefühl, man habe plötzlich einen anderen Menschen vor sich.
Oft flaniert Jochen auch durch sein Viertel und denkt an die alten Zeiten mit Arbeit zurück. Falls er irgendwann mal wieder arbeiten sollte, dann nur in Schichtarbeit. Denn ansonsten wäre immer die gleiche Zeit des Tages blockiert. Und er muss jede Tagesstimmung einmal miterleben. Plötzlich fängt es an zu regnen und alle stellen sich unter. Da wird Jochen ganz still und beobachtet, wie so oft, die anderen Leute. Und immer wieder stellt er dabei fest, dass sie in scheinbar anderen Welten schweben. Sie befinden sich zwar in der gleichen Situation, aber niemand spricht mit dem anderen. Sie stehen nebeneinander und doch leben sie nebeneinanderher.
Apropos Nebeneinanderher leben! Das ist für ihn ein Grund warum eine Beziehung auseinander brechen kann. Jochen selbst hatte zwei ernsthafte Beziehungen. Die erste – seine große Liebe – habe er in jungen Jahren selber zerstört. Die zweite bezeichnet er als kleine Liebe. Aus dieser ist damals auch ein Sohn hervorgegangen.
Heute geht er ab und zu mal tanzen. „Aber ich bin kein Abschlepper – ich lass mich eher finden“, sagt er und grinst. Von einem Nichtstuer hat man wohl auch nichts anderes erwartet!
Mit den Frauen hält Jochen es genau so, wie mit der Arbeit. „Wenn man eine hat ist gut – wenn nicht auch!“
Doch wenn man auf Joshua, seinen kleinen 9-jährigen Sohn zu sprechen kommt, wird die Stimmung plötzlich anders. Jochen wird auf einmal ganz ernst und seine Selbstgefälligkeit rückt in den Hintergrund. Er hat ein gutes Verhältnis zu seinem Sohn. Er genießt die gemeinsame Zeit mit ihm. Vor allen Dingen deswegen, weil er bei dem Kleinen so sein kann, wie er ist. Der nimmt ihm seinen Lebensstil nicht übel. Wohl auch, weil er das alles noch nicht verstehen kann. Gedankenverloren erzählt Jochen von dem letzten Treffen. Vor allem ein Satz seines Sohnes geht dem Kölner nicht mehr aus dem Kopf. „Du bist der große Vogel und ich bin der kleine Vogel“. Ja, ein Vogel sein, das wäre schön. Ein Vogel ist immer frei, der muss nie eine Verantwortung übernehmen. Aber für seinen Sohn da sein, das will Jochen.
Auf der letzten Fahrt von seinem Sohn zurück nach Hause, stellt der Müßiggänger zum ersten Mal sein Leben in Frage. Zum ersten Mal merkt er den Unterschied zwischen Rumsitzen und wirklichem Leben. „Wo fahr ich eigentlich hin?“, hat er sich gefragt. „Was habe ich noch in Köln?“
Wieder zu Hause - oder besser gesagt dort, wo früher sein zu Hause war – fasst er einen Entschluss. Er zieht um. Zu seinem Sohn. Er will, wann immer der ihn braucht, für ihn da sein. Ja, er will nach langer Zeit endlich mal wieder Verantwortung übernehmen. Man mag es kaum glauben. Aber der kleine Joshua hat in seinem Vater etwas geweckt, was viele Jahre versteckt war. Der Sinn für Mitmenschen und die Übernahme von Verantwortung. Er hat seine Sicht auf die Welt verändert!
Und so nimmt der Müßiggänger sein Leben in die Hand. Er verändert etwas. Er zieht um.
Vorher macht er aber noch einen neuen Mofa-Führerschein. Ein letztes Stück Freiheit aus seinem alten Leben nimmt er doch noch mit.

Und dann liegt Jochen wieder lang ausgestreckt auf dem Bett. Er hat die Arme hinter dem Kopf verschränkt und beobachtet den Himmel. Er denkt nach. Über sein Leben, seinen Sohn und den Umzug. Denn er will sich auf den Weg machen und endlich wieder einer geregelten Arbeit nachgehen – der des Vaters.

3 Kommentare 11.6.08 18:10, kommentieren